Leseprobe Elisabeth Mardorf "Wer immer geradeaus geht, kommt nicht weit"
Was mache ich
mit meinem Leben, wenn ich nicht Mozart heiße?
Von Irrwegen und innerer Berufung
Als der
amerikanische Psychotherapeut Milton Erickson ein junger Mann war,
verirrte sich ein fremdes Pferd auf den Hof seiner Familie. Das
Pferd hatte kein besonderes Erkennungszeichen und niemand wusste,
woher es kam. Erickson bot trotzdem an, es zu seinen Besitzern
zurückzubringen. Um das zu erreichen, stieg er einfach auf das
Pferd, führte es zurück zur Straße und überließ es dem Pferd, den
Weg zu wählen. Er griff nur ein, wenn das Pferd den Weg verlassen
wollte, um zu grasen. Schließlich kam das Pferd etliche Kilometer
entfernt auf einem Hof an, und der Bauer wunderte sich: »Woher
wusstest du, dass das unser Pferd ist?« Erickson sagte: »Ich wusste
es nicht, aber das Pferd wusste es. Ich habe nur dafür gesorgt,
dass es auf der Straße blieb.«
Wie das Pferd verirren auch wir uns oft auf unserem Lebensweg und
finden uns in beruflichen oder persönlichen Situationen wieder, in
denen wir uns selbst fremd sind. Wir treffen Berufsentscheidungen
und andere wichtige Lebensentscheidungen, die von der Vernunft
diktiert sind, von Ratschlägen oder von Familientraditionen, und
entdecken erst später im Leben, dass da etwas fehlt ...
Etwas Wesentliches fehlt uns – nämlich unser eigenes Wesen, unser
eigener Seelenkern. Viele Menschen haben das Gefühl, in einer
Situation zu leben, in der sie nicht sie selbst sein können. Tief
in ihrem Innern haben sie eine Sehnsucht nach »etwas anderem«, das
sie oft gar nicht genau benennen können. »Eigentlich bin ich ganz
anders, aber ich komme so selten dazu«, nannte der Schriftsteller
Ödön von Horváth ironisch diesen Zustand.
»Eigentlich«: Mein eigentliches Wesen ist anders als das, was ich
alltäglich lebe. Das, was mir zu Eigen ist, meine Eigen-Art,
verkümmert – ich werde mir selbst fremd, und meine innere Stimme
ist ein kleines zaghaftes Stimmchen geworden. Und dennoch ist er
da, dieser Seelenkern. Heimatlos zwar, aber mit einer Ahnung, wo er
eigentlich heimisch wäre.
Die Griechen nannten diesen Seelenkern den inneren »Daimon«. Bei
den Römern hieß er »Genius«. Dieser Daimon hat Ähnlichkeit mit dem
Schutzengel im Christentum, der jedem einzelnen Menschen zugeteilt
ist und über dessen Wohlergehen er wacht. Wohlergehen im Sinne des
Daimon oder Genius aber heißt: dem eigenen Wesen gemäß zu
leben.
Marie-Luise von Franz, die Schweizer Tiefenpsychologin, sah dieses
innere Seelenzentrum als eine zunächst nur angeborene Möglichkeit.
Ob diese Möglichkeit von dem betreffenden Menschen verwirklicht
wird, hängt davon ab, ob er bereit ist, ihr Gehör zu schenken. Es
ist also nicht nur vom Schicksal oder von äußeren Lebensbedingungen
bestimmt, wie wir uns entwickeln. Die Verantwortung im Umgang mit
dem, was uns auf den Lebensweg mitgegeben wurde, bleibt bei uns
selbst.
»Der freie Wille ist wie ein Brunnen, den Du besitzt. Du kannst
Dich dafür entscheiden, Wasser aus dem Brunnen zu schöpfen oder
nicht. Das liegt ganz bei Dir. Der Brunnen existiert, ob Du Dich
nun entscheidest, ihn zu benutzen oder nicht.« (F. Lenz, S.
59)
Im Taoismus ist Tao ein Grundbegriff, der wie ein Paradox anmutet:
Einerseits ist für den Einzelnen ein Weg (Tao) als Möglichkeit
angelegt, andererseits entsteht dieser Weg erst dadurch, dass der
Einzelne ihn geht. Wer das Tao verwirklicht, bemüht sich, im
Einklang mit dem universellen Tao
zu leben. Es geht also auch hier nicht um egoistische
Selbstverwirklichung, sondern um Verantwortung.
Im ihrem Lied vom Leben schreibt die Dichterin Anna
Platsch:
»Es war schon
bevor es entsteht.
Spiegelung
jener Lettern
eines größeren Buches.
Lesbar nur,
wenn ich jede einzelne Seite
eigenhändig wende.«
Wenn ich meiner
eigenen Berufung gemäß lebe, bin ich im Einklang mit diesem
»Größeren«. Dieser Einklang ist die tiefe, aber oft verschwommene
Sehnsucht vieler Menschen, und sie haben Schwierigkeiten damit, sie
im Alltag und im Berufsleben zu verwirklichen. Die vage Sehnsucht
erzählt nicht immer klar, was denn die eigene Berufung ist. Aber
eine Ahnung davon, nicht im »richtigen Leben« zu sein, bleibt, eine
schmerzhafte Wehmut: »Die Seele wird traurig in ihrem tiefsten
Innern, wenn sie den Auftrag, den sie ahnt, nicht erfüllen darf.«
(K.H. Röder) Oft aber sind es nicht Hindernisse von außen, sondern
unsere eigenen Ängste, die uns an der Entfaltung hindern. Davon
wird später noch die Rede sein.
Der Tiefenpsychologe James Hillman greift die Idee vom Daimon auf
und geht davon aus, dass dieser persönliche Schutzgeist jedes
Menschen unsere wahren Bedürfnisse und unsere innere Berufung
kennt. Er sorgt dafür, dass wir diese trotz aller Irrwege im Leben
nicht völlig vergessen. Wie das Pferd in der Geschichte finden wir
unseren »Weg nach Hause« immer dann wieder, wenn wir unseren
»Daimon« neu entdecken und uns von ihm führen lassen.
»Werde, der du bist«, nannte C.G. Jung diese lebenslange Aufgabe,
für die er den Begriff »Individuation« prägte: nämlich uns dem
anzunähern, was in uns angelegt ist. Hillman spricht von der
Eichel, in der alles angelegt ist für den großen Baum, eine Art
inneres Bild davon, was aus dieser kleinen Eichel werden soll. Und
eben dieses Bild wirkt als innerer Führer, als innerer Schutzgeist,
als »Daimon«, der die Erinnerung an die ursprüngliche Aufgabe wach
hält.
Ich möchte dieses Bild erweitern. Nicht jeder ist als Eiche
vorgesehen – einige Menschen sind vielleicht als Fichten gemeint,
kämpfen aber ihr Leben lang darum, eine Eiche zu sein. Wer jedoch
aus weichem Holz geschnitzt ist, kann nur unglücklich werden, wenn
er vorgibt oder durch seine Erziehung dazu gezwungen wird, ein
Hartholz-Gewächs zu sein. Er lebt in dauernder Spannung und kann
die selbst gesetzten oder ihm auferlegten Ideale nie
erreichen.
......
Konsequenz, Veränderung und die Treue zu sich selbst
Die Konzepte
früherer Jahre taugen nicht mehr für die veränderte
Arbeitsmarktsituation. Von außen aufgezwungene Veränderungen können
große persönliche Krisen hervorrufen, aber auch als Chance zur
Neuorientierung gesehen werden. Manchmal wird gerade durch eine
erzwungene Veränderung der Mut aktiviert, endlich die längst
begrabenen Träume noch einmal zu beleben.
»Wer immer geradeaus geht, kommt nicht weit«: Wer von seinem
jetzigen Standpunkt aus starten würde und wortwörtlich immer
geradeaus in eine Himmelsrichtung ginge, würde zwar unterwegs viel
sehen, aber letztendlich wieder dort landen, wo er gestartet ist.
Es würde ihm aber so oder so nicht gelingen, denn er hätte Flüsse
zu überqueren, deren Brücken weiter rechts oder links liegen, hätte
Zäune zu überklettern, während weiter abseits ein Tor lockt, stünde
plötzlich vor einer Mauer und müsste einen Umweg machen. Wer nicht
bereit ist, neue Wege zu suchen, kann nur an der Mauer scheitern.
Und dennoch scheint tief in unserer Seele die Idealvorstellung zu
schlummern, wir müssten immer konsequent die einmal eingeschlagene
Richtung verfolgen. Von Erich Kästner stammt angeblich der Spruch:
»Entweder man lebt oder man ist konsequent«. Entwicklung heißt
Bewegung. Bewegung beinhaltet Veränderung – und paradoxerweise kann
eben auch das Bemühen, uns selbst treu zu bleiben, Veränderung
verlangen.
Aber fast jeder, der eine größere Veränderung plante – sei es eine
neue Ausbildung, einen Stellenwechsel, eine Trennung vom Partner –
hat erlebt, dass Menschen in der Umgebung ihm Ratschläge gaben, die
das Festhalten an der bestehenden Situation zum Ziel hatten. Und
jeder, der eine solche Veränderung überlegt, kennt die
Schuldgefühle, die sich einstellen – so als ob man etwas Schlimmes
täte, wenn man das Vertraute verlassen will.
Zwischen diesen beiden Polen – Festhalten am Vertrauten einerseits
und dem Wunsch nach (oder der Notwendigkeit zur) Veränderung
andererseits – bewegen wir uns ein Leben lang. Wir können Pläne
machen, sollten aber jederzeit darauf eingestellt sein, sie ändern
zu müssen. Wir können uns in einer beruflichen oder privaten
Situation einrichten und eine Weile wohl fühlen, merken dann aber
nach einer Zeit, dass nun etwas anderes »dran« wäre.
Selbst bei der Karriereplanung, die jahrelang suggerierte, man
solle konsequent am »Aufbau« der Karriere arbeiten, ist
mittlerweile Flexibilität in den Zielen gefragt. Noch einmal Heiko
Mell: »(Man muss) ... einen Generalplan haben, an dem man sich
ausrichtet – und anhand dessen man merkt, wie weit man sich mit
einzelnen Schritten ggf. vom Ziel entfernen würde. Diesen Plan
braucht man unbedingt – aber nicht stets denselben! Das Leben um
Sie herum, die berufsrelevanten Gegebenheiten und Sie ändern sich
so schnell und so oft, dass ein stures Durchhalten einer Planung
über fast vierzig Jahre hinweg nicht machbar ist. Lösung: Die
Planung ist unter Einbeziehung des bisherigen Weges alle paar Jahre
fortzuschreiben, dabei können sich Ziele ebenso ändern wie die Wege
dorthin.« (VDI-Nachrichten vom 1.9.2000)
Um diese immer
wieder neue Orientierung – von außen oder von der eigenen inneren
Entwicklung her notwendig werdend – geht es in diesem Buch. Es geht
um Lebensziele, um den Lebensweg, um Stabilität und Veränderung, um
den inneren Seelenkern, um Treue zu sich selbst und die
Bereitschaft, immer wieder neu anzufangen. Um Abschied von einmal
eingeschlagenen Wegen, um Ängste, Schuldgefühle und Hoffnungen,
Suche und konkrete Umsetzung von Träumen.
Das Thema »Wer immer geradeaus geht, kommt nicht weit« lässt sich –
seinem Inhalt entsprechend – nicht geradlinig behandeln, sondern
bewegt sich ebenso in geschlungenen Linien wie das Leben selbst und
wie die Entwicklung der Persönlichkeit. C.G. Jung spricht in diesem
Zusammenhang von der »Circumambulation«, der Umkreisung: »... Es
gibt keine lineare Entwicklung, es gibt nur eine Circumambulation
des Selbst. Eine einsinnige Entwicklung gibt es höchstens am
Anfang; später ist alles Hinweis auf die Mitte.« (C.G. Jung,
Erinnerungen, S. 200)
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