Dr. Elisabeth Mardorf
Leseprobe
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© 2009 Dr. Elisabeth Mardorf

Leseprobe Elisabeth Mardorf "Wer immer geradeaus geht, kommt nicht weit"

Was mache ich mit meinem Leben, wenn ich nicht Mozart heiße?
Von Irrwegen und innerer Berufung

Als der amerikanische Psychotherapeut Milton Erickson ein junger Mann war, verirrte sich ein fremdes Pferd auf den Hof seiner Familie. Das Pferd hatte kein besonderes Erkennungszeichen und niemand wusste, woher es kam. Erickson bot trotzdem an, es zu seinen Besitzern zurückzubringen. Um das zu erreichen, stieg er einfach auf das Pferd, führte es zurück zur Straße und überließ es dem Pferd, den Weg zu wählen. Er griff nur ein, wenn das Pferd den Weg verlassen wollte, um zu grasen. Schließlich kam das Pferd etliche Kilometer entfernt auf einem Hof an, und der Bauer wunderte sich: »Woher wusstest du, dass das unser Pferd ist?« Erickson sagte: »Ich wusste es nicht, aber das Pferd wusste es. Ich habe nur dafür gesorgt, dass es auf der Straße blieb.«
Wie das Pferd verirren auch wir uns oft auf unserem Lebensweg und finden uns in beruflichen oder persönlichen Situationen wieder, in denen wir uns selbst fremd sind. Wir treffen Berufsentscheidungen und andere wichtige Lebensentscheidungen, die von der Vernunft diktiert sind, von Ratschlägen oder von Familientraditionen, und entdecken erst später im Leben, dass da etwas fehlt ...
Etwas Wesentliches fehlt uns – nämlich unser eigenes Wesen, unser eigener Seelenkern. Viele Menschen haben das Gefühl, in einer Situation zu leben, in der sie nicht sie selbst sein können. Tief in ihrem Innern haben sie eine Sehnsucht nach »etwas anderem«, das sie oft gar nicht genau benennen können. »Eigentlich bin ich ganz anders, aber ich komme so selten dazu«, nannte der Schriftsteller Ödön von Horváth ironisch diesen Zustand.
»Eigentlich«: Mein eigentliches Wesen ist anders als das, was ich alltäglich lebe. Das, was mir zu Eigen ist, meine Eigen-Art, verkümmert – ich werde mir selbst fremd, und meine innere Stimme ist ein kleines zaghaftes Stimmchen geworden. Und dennoch ist er da, dieser Seelenkern. Heimatlos zwar, aber mit einer Ahnung, wo er eigentlich heimisch wäre.
Die Griechen nannten diesen Seelenkern den inneren »Daimon«. Bei den Römern hieß er »Genius«. Dieser Daimon hat Ähnlichkeit mit dem Schutzengel im Christentum, der jedem einzelnen Menschen zugeteilt ist und über dessen Wohlergehen er wacht. Wohlergehen im Sinne des Daimon oder Genius aber heißt: dem eigenen Wesen gemäß zu leben.
Marie-Luise von Franz, die Schweizer Tiefenpsychologin, sah dieses innere Seelenzentrum als eine zunächst nur angeborene Möglichkeit. Ob diese Möglichkeit von dem betreffenden Menschen verwirklicht wird, hängt davon ab, ob er bereit ist, ihr Gehör zu schenken. Es ist also nicht nur vom Schicksal oder von äußeren Lebensbedingungen bestimmt, wie wir uns entwickeln. Die Verantwortung im Umgang mit dem, was uns auf den Lebensweg mitgegeben wurde, bleibt bei uns selbst.
»Der freie Wille ist wie ein Brunnen, den Du besitzt. Du kannst Dich dafür entscheiden, Wasser aus dem Brunnen zu schöpfen oder nicht. Das liegt ganz bei Dir. Der Brunnen existiert, ob Du Dich nun entscheidest, ihn zu benutzen oder nicht.« (F. Lenz, S. 59)
Im Taoismus ist Tao ein Grundbegriff, der wie ein Paradox anmutet: Einerseits ist für den Einzelnen ein Weg (Tao) als Möglichkeit angelegt, andererseits entsteht dieser Weg erst dadurch, dass der Einzelne ihn geht. Wer das Tao verwirklicht, bemüht sich, im Einklang mit dem universellen Tao
zu leben. Es geht also auch hier nicht um egoistische Selbstverwirklichung, sondern um Verantwortung.
Im ihrem Lied vom Leben schreibt die Dichterin Anna Platsch:

 

»Es war schon
bevor es entsteht.
Spiegelung
jener Lettern
eines größeren Buches.
Lesbar nur,
wenn ich jede einzelne Seite
eigenhändig wende.«

 

Wenn ich meiner eigenen Berufung gemäß lebe, bin ich im Einklang mit diesem »Größeren«. Dieser Einklang ist die tiefe, aber oft verschwommene Sehnsucht vieler Menschen, und sie haben Schwierigkeiten damit, sie im Alltag und im Berufsleben zu verwirklichen. Die vage Sehnsucht erzählt nicht immer klar, was denn die eigene Berufung ist. Aber eine Ahnung davon, nicht im »richtigen Leben« zu sein, bleibt, eine schmerzhafte Wehmut: »Die Seele wird traurig in ihrem tiefsten Innern, wenn sie den Auftrag, den sie ahnt, nicht erfüllen darf.« (K.H. Röder) Oft aber sind es nicht Hindernisse von außen, sondern unsere eigenen Ängste, die uns an der Entfaltung hindern. Davon wird später noch die Rede sein.
Der Tiefenpsychologe James Hillman greift die Idee vom Daimon auf und geht davon aus, dass dieser persönliche Schutzgeist jedes Menschen unsere wahren Bedürfnisse und unsere innere Berufung kennt. Er sorgt dafür, dass wir diese trotz aller Irrwege im Leben nicht völlig vergessen. Wie das Pferd in der Geschichte finden wir unseren »Weg nach Hause« immer dann wieder, wenn wir unseren »Daimon« neu entdecken und uns von ihm führen lassen.
»Werde, der du bist«, nannte C.G. Jung diese lebenslange Aufgabe, für die er den Begriff »Individuation« prägte: nämlich uns dem anzunähern, was in uns angelegt ist. Hillman spricht von der Eichel, in der alles angelegt ist für den großen Baum, eine Art inneres Bild davon, was aus dieser kleinen Eichel werden soll. Und eben dieses Bild wirkt als innerer Führer, als innerer Schutzgeist, als »Daimon«, der die Erinnerung an die ursprüngliche Aufgabe wach hält.
Ich möchte dieses Bild erweitern. Nicht jeder ist als Eiche vorgesehen – einige Menschen sind vielleicht als Fichten gemeint, kämpfen aber ihr Leben lang darum, eine Eiche zu sein. Wer jedoch aus weichem Holz geschnitzt ist, kann nur unglücklich werden, wenn er vorgibt oder durch seine Erziehung dazu gezwungen wird, ein Hartholz-Gewächs zu sein. Er lebt in dauernder Spannung und kann die selbst gesetzten oder ihm auferlegten Ideale nie erreichen.

 

......

 

Konsequenz, Veränderung und die Treue zu sich selbst

 

Die Konzepte früherer Jahre taugen nicht mehr für die veränderte Arbeitsmarktsituation. Von außen aufgezwungene Veränderungen können große persönliche Krisen hervorrufen, aber auch als Chance zur Neuorientierung gesehen werden. Manchmal wird gerade durch eine erzwungene Veränderung der Mut aktiviert, endlich die längst begrabenen Träume noch einmal zu beleben.
»Wer immer geradeaus geht, kommt nicht weit«: Wer von seinem jetzigen Standpunkt aus starten würde und wortwörtlich immer geradeaus in eine Himmelsrichtung ginge, würde zwar unterwegs viel sehen, aber letztendlich wieder dort landen, wo er gestartet ist. Es würde ihm aber so oder so nicht gelingen, denn er hätte Flüsse zu überqueren, deren Brücken weiter rechts oder links liegen, hätte Zäune zu überklettern, während weiter abseits ein Tor lockt, stünde plötzlich vor einer Mauer und müsste einen Umweg machen. Wer nicht bereit ist, neue Wege zu suchen, kann nur an der Mauer scheitern. Und dennoch scheint tief in unserer Seele die Idealvorstellung zu schlummern, wir müssten immer konsequent die einmal eingeschlagene Richtung verfolgen. Von Erich Kästner stammt angeblich der Spruch: »Entweder man lebt oder man ist konsequent«. Entwicklung heißt Bewegung. Bewegung beinhaltet Veränderung – und paradoxerweise kann eben auch das Bemühen, uns selbst treu zu bleiben, Veränderung verlangen.
Aber fast jeder, der eine größere Veränderung plante – sei es eine neue Ausbildung, einen Stellenwechsel, eine Trennung vom Partner – hat erlebt, dass Menschen in der Umgebung ihm Ratschläge gaben, die das Festhalten an der bestehenden Situation zum Ziel hatten. Und jeder, der eine solche Veränderung überlegt, kennt die Schuldgefühle, die sich einstellen – so als ob man etwas Schlimmes täte, wenn man das Vertraute verlassen will.
Zwischen diesen beiden Polen – Festhalten am Vertrauten einerseits und dem Wunsch nach (oder der Notwendigkeit zur) Veränderung andererseits – bewegen wir uns ein Leben lang. Wir können Pläne machen, sollten aber jederzeit darauf eingestellt sein, sie ändern zu müssen. Wir können uns in einer beruflichen oder privaten Situation einrichten und eine Weile wohl fühlen, merken dann aber nach einer Zeit, dass nun etwas anderes »dran« wäre.
Selbst bei der Karriereplanung, die jahrelang suggerierte, man solle konsequent am »Aufbau« der Karriere arbeiten, ist mittlerweile Flexibilität in den Zielen gefragt. Noch einmal Heiko Mell: »(Man muss) ... einen Generalplan haben, an dem man sich ausrichtet – und anhand dessen man merkt, wie weit man sich mit einzelnen Schritten ggf. vom Ziel entfernen würde. Diesen Plan braucht man unbedingt – aber nicht stets denselben! Das Leben um Sie herum, die berufsrelevanten Gegebenheiten und Sie ändern sich so schnell und so oft, dass ein stures Durchhalten einer Planung über fast vierzig Jahre hinweg nicht machbar ist. Lösung: Die Planung ist unter Einbeziehung des bisherigen Weges alle paar Jahre fortzuschreiben, dabei können sich Ziele ebenso ändern wie die Wege dorthin.« (VDI-Nachrichten vom 1.9.2000)

Um diese immer wieder neue Orientierung – von außen oder von der eigenen inneren Entwicklung her notwendig werdend – geht es in diesem Buch. Es geht um Lebensziele, um den Lebensweg, um Stabilität und Veränderung, um den inneren Seelenkern, um Treue zu sich selbst und die Bereitschaft, immer wieder neu anzufangen. Um Abschied von einmal eingeschlagenen Wegen, um Ängste, Schuldgefühle und Hoffnungen, Suche und konkrete Umsetzung von Träumen.
Das Thema »Wer immer geradeaus geht, kommt nicht weit« lässt sich – seinem Inhalt entsprechend – nicht geradlinig behandeln, sondern bewegt sich ebenso in geschlungenen Linien wie das Leben selbst und wie die Entwicklung der Persönlichkeit. C.G. Jung spricht in diesem Zusammenhang von der »Circumambulation«, der Umkreisung: »... Es gibt keine lineare Entwicklung, es gibt nur eine Circumambulation des Selbst. Eine einsinnige Entwicklung gibt es höchstens am Anfang; später ist alles Hinweis auf die Mitte.« (C.G. Jung, Erinnerungen, S. 200)

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