Dr. Elisabeth Mardorf
Leseprobe Tagebuch
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© 2017 Dr. Elisabeth Mardorf

Leseprobe Tagebuchschreiben

Elisabeth Mardorf

Kreativ leben mit dem Tagebuch. Mit Übungen, die Sie weiterbringen

"Wer Tagebuch schreibt, lebt in mehrfacher Hinsicht intensiver als andere Menschen. Schon im Aufschreiben erfährt das Erlebte eine größere Würdigung als wenn es nur im Gedächtnis abgespeichert würde. Eine besondere Intensität aber stellt sich ein, wenn das Aufgeschriebene einige Zeit später wieder gelesen wird. Das kann ein gezieltes Nachlesen über eine bestimmte Zeit oder zu einem bestimmten Thema sein, aber auch ein gemütliches Stöbern und Erinnern.

„Die Erinnerungen liegen nicht in Fächern, nicht in Möbeln und nicht im Kopf. Sie wohnen mitten unter uns. Meistens schlummern sie, aber sie leben und atmen, und zuweilen schlagen sie die Augen auf. Sie wohnen, leben, atmen und schlummern überall. In den Handflächen, in den Fußsohlen, in der Nase, im Herzen und im Hosenboden. Was wir früher einmal erlebt haben, kehrt nach Jahren und Jahrzehnten plötzlich zurück und blickt uns an. Und wir fühlen: Es war ja gar nicht fort. Es hat nur geschlafen.“

Was Erich Kästner hier in seinen Erinnerungen „Als ich ein kleiner Junge war „ schreibt, erleben Tagebuchschreiber sehr intensiv. Die Erinnerungen sind greifbar, sie haben nicht tief, sondern nur leicht geschlafen. Durch das Schreiben war das Erlebte schon intensiviert, und durch das Wiederlesen wird im Laufe der Jahre auch die Erinnerung trainiert.

Ich stelle immer wieder fest, dass ich mich oft besser als Freunde an gemeinsame Erlebnisse erinnern kann, weil ich sie aufschrieb und auch später gelegentlich wieder las. Ich denke, das ist ähnlich wie mit jeder Art von Training: Wiederholung bringt den Effekt. Ich weiß nicht nur abstrakt, wen ich in der Tanzstunde so hinreißend fand, sondern kann „original“ nachlesen, wie aufgeregt ich damals war und wie unendlich schrecklich dieser Eiterpickel auf der Nase war. Gut, das sind keine weltbewegenden wichtigen Erlebnisse, aber sie tragen dazu bei, heute als Erwachsene verständnisvoller zu sein.

Auch spätere Erinnerungen, Beschreibungen des Studienbeginns, die Aufregungen des Lebens in einer Studentenstadt, Beschreibungen von Menschen, die meinen Lebensweg kreuzten, tragen dazu bei, dass ich mich in meinem Leben zu jeder Zeit „Zu Hause“ fühlte. Wie Erich Kästner sagt: All das wohnt in uns, und das Tagebuch hilft uns, wieder damit in Kontakt zu kommen.

Andererseits habe ich gemerkt, dass mir in meiner Erinnerung wichtige Teile abhanden gekommen sind: Bei einem Autoaufbruch wurde vor Jahren mein fast volles Tagebuch gestohlen, das sich über ein ganzes Jahr erstreckte. Zum einen war es natürlich ein äußerst unangenehmes Gefühl, dass nun jemand meine innersten Gedanken nachlesen konnte. Zum anderen aber fiel mir im Laufe der Jahre auf, dass dieser Dieb mir ein Stück meines Lebens gestohlen hat, indem er mir meine Erinnerungen raubte. Im Unterschied zu den Erinnerungen an die Zeit vorher und nachher verblasste die Erinnerung an dieses „gestohlene“ Jahr viel schneller und ich bedaure es auch noch jetzt nach vielen Jahren, dass diese Zeit im Vergleich zu all den anderen Jahren wie von einem Schleier überzogen ist.

In allen anderen Jahren kann ich spazieren gehen, nach rechts und links schauen, und die Erinnerungen werden mit allen Sinnen lebendig, bis hin zu Erinnerungen an Gerüche, bestimmte Wege, Stimmen, die Atmosphäre bestimmter Räume.

Beim Wiederlesen fällt mir auf, wie wichtig es ist, nicht nur über Gefühle, sondern auch über Tatsachen zu berichten. Beim Wiederlesen wird es irgendwann langweilig, seitenweise über die Gefühlslage in einer Krise zu lesen. Aber wenn ich zusätzlich lese, was wer gesagt hat, was im Alltag geschah, was ich selbst tat, was im Beruf geschah, wen ich neu kennen lernte, ja selbst gelegentlich, wie das Wetter war – dann werden die Erinnerungen lebendig.

Das Wiederlesen kann es auch eine große Hilfe sein, die eigenen Fortschritte wahrzunehmen oder aber auch vor Augen geführt zu bekommen, dass man immer noch an den gleichen Problemen herumdoktert und vielleicht endlich eine Entscheidung fällen sollte.

Erinnerungen geben unserem Leben Tiefe und einen individuellen Sinn, sie sind Grundlage unserer Identität. Alzheimer- Patienten haben keine Erinnerung. Sie verlieren sich selbst und in ihrem Inneren auch die Menschen, die ihnen nahe sind.

Wer ich jetzt bin, ist ja nicht nur durch das „Hier und Jetzt“ bestimmt, sondern beruht auf meiner Lebens- Geschichte, auf früheren Erlebnissen, Begegnungen, Hoffnungen, Plänen, Befürchtungen. Sich daran zu erinnern, schafft Verbindung zu diesen Wurzeln, zu dem Menschen, der ich einmal war, zu anderen Menschen, die mir begegneten. Letztendlich kommen wir im Erinnern in Kontakt mit allen Räumen unserer Seele, nicht nur mit dem einen, der von der Gegenwart geprägt ist.

Der Prozess des Erinnerns ist schon in der Pubertät wichtig für die Entwicklung der eigenen Identität. Eine 16-Jährige sagt schon jetzt, sie fände es interessant, was sie mit 10 Jahren geschrieben habe: „Manchmal war mir schon peinlich, was ich früher geschrieben habe. Jetzt finde ich das alles eher interessant und amüsant, weil man sieht, wie man früher über Sachen gedacht hat, und wegen der Erinnerungen an manches, was man jetzt, mit Abstand, nicht mehr so schlimm findet.“ Hier zeigt sich schon sehr früh ein ganz wichtiger Punkt: Erinnerungen können helfen, Erlebnisse und Gefühle zu relativieren.

Eine Frau Mitte Vierzig sagte: „Als ich das von früher gelesen habe, kam das Gefühl, dass ich mich selbst richtig gern habe ... und wenn ich mein Leben mal langweilig finde, entdecke ich beim Lesen in alten Tagebüchern, wie viel ich tatsächlich schon erlebt habe.“ Auch hier verändert die Erinnerung also die Wahrnehmung in eine positive Richtung. Eine andere Tagebuchschreiberin liest besonders dann gern in alten Aufzeichnungen, „wenn die Realität gerade nicht so schön ist und ich Sehnsucht habe, wieder so zu sein, wie ich einmal war ... ich habe dann richtig Schmetterlinge im Bauch und amüsiere mich köstlich und kann gar nicht aufhören zu lesen.“

Brigitte, eine 35- jährige Tagebuchschreiberin, las in einer Lebensphase, in der sie Probleme mit Männern hatte, gezielt zu diesem Thema in alten Heften und schrieb dann in ihr Tagebuch: „Diese Tagebücher geben mir doch immer wieder neue Einblicke, je nachdem, unter welchem Thema ich sie anschaue. Ich hab´ s heute gemacht unter dem Gesichtspunkt Beziehungen zu Männern. Wie ließ ich mich ausnutzen, was ließ ich mir gefallen, etc. Durchgehend: Ich werde blöd behandelt, und wenn ich mich zurückziehen will, kriege ich Schuldgefühle. Überraschend auch: Ich hatte eigentlich gedacht, vor K. hätte ich gar keinen „richtigen“ Freund gehabt als Mädchen. Aber da lief doch eine ganze Menge auf den Partys, was ich völlig vergessen hatte. Und wenn ich dann noch lese, mit was für durchsichtigen Mitteln die Jungen versuchten, uns rumzukriegen, und wir haben uns diesen Mist bieten lassen, von wegen Männer brauchen so was. Möchte nicht wissen, wie viele brave Mädchen so schwanger geworden sind, weil sie barmherzige Samariterinnen waren.“

In der Auseinandersetzung mit ihren alten Einträgen entwickelt sie eine neue Sicht ihrer eigenen Verhaltensweisen. Das Tagebuch hält ihr einen Spiegel vor, der lange blinde Flecken hatte.

Ein Mann erzählte mir allerdings, er langweile sich eher, wenn er in alten Tagebüchern lese. Er denke dann manchmal, er sei doch ganz schön „blauäugig“ gewesen, würde jetzt vieles anders machen. Andererseits freue er sich, wenn er lese, wie sehr er früher habe genießen können, während er jetzt oft zurückstecke. Im Gespräch mit mir wurde er sehr nachdenklich und meinte, das sei ein wichtiger Punkt, über den er noch mehr nachdenken müsse. Vielleicht brauche er im Alltag mehr Zeit, um wieder besser genießen zu können und vielleicht sogar etwas Unbefangenheit wieder zu finden.

Dieses Lernen aus dem, was man einmal geschrieben hat, erleben auch andere Tagebuchschreiber. Eine junge Frau erzählte mir: „Manchmal nach einem Eintrag blättere ich ein paar Seiten zurück oder nehme mir alte Tagebücher vor. Manchmal bin ich beim Lesen amüsiert, manchmal traurig, manchmal auch überrascht. Zum Beispiel über manche Gedanken und Verhaltensweisen ... und auch darüber, was ich schon alles vergessen habe. Manches Geschriebene hätte ich mir gar nicht zugetraut. Ich kann es dann gar nicht glauben, dass ich mal so etwas `Kluges´ geschrieben habe!“

 

 

Leseprobe Teil 2 - aus Kapitel 10, Übungen mit Aha-Effekt

Die Wegkreuzung

 

Auch dieses ist eine Zukunfts- Übung. Sie kann hilfreich sein, wenn Sie vor einer schwierigen oder wichtigen Entscheidung stehen, beispielsweise, ob Sie sich von Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin trennen sollen oder ob Sie beruflich diese oder jene Entscheidung fällen sollen.

Stellen Sie sich vor, es ist einige Jahre später (den Zeitraum wählen Sie selbst). Beschreiben Sie zunächst Ihr Leben, wie es aussehen wird, wenn Sie heute Entscheidung A fällen. Beschreiben Sie möglichst viele Einzelheiten und vor allem, wie Sie sich fühlen.

Dann nehmen Sie den gleichen Zeitpunkt und beschreiben Ihr künftiges Leben, wenn Sie heute Entscheidung B fällen.

Es ist sehr gut möglich, dass Sie nach einer solchen Übung die Entscheidung klarer fällen können. Im folgenden Beispiel geht es um das Thema Trennung:

 

Entscheidung A:

„Es ist der 15.Februar (in 5 Jahren). Ein grauer kalter Wintertag. Ludwig und ich haben uns vor vier Jahren getrennt. Wir waren beide der Meinung, es hat keinen Sinn mehr. Nein, eigentlich wollte ich die Trennung. Er hat sich bloß nicht gewehrt.

Ich wohne in einer Dreizimmerwohnung, wir haben das Haus verkauft, und ich bin wieder in meinen Heimatort gezogen. Ich dachte, dort würde ich mich am ehesten wieder zu Hause fühlen. Das war ein Fehler, wie ich schon seit einiger Zeit weiß. Die Bekannten von früher haben alle ihre eigene Freunde, die haben nicht auf mich gewartet, und die Frauen haben sowieso alle Schiss um ihre Männer, wenn da eine Geschiedene aufkreuzt. Also werde ich auch gar nicht erst eingeladen, und zu mir kommen auch nicht viele. Ich hätte auch an meiner alten Stelle bleiben sollen. In meinem Alter stellt man sich nicht mehr so leicht um.

Und die große Freiheit, die ich mir erträumte, keiner mehr, der meckert (kein Mann mehr, der seine dreckigen Socken im Schlafzimmer rumliegen lässt, und kein Mann mehr, der pünktlich seine warme Mahlzeit will), so doll ist das auch nicht. Jetzt wäre ich froh, ich könnte manchmal noch für Ludwig kochen. Und mein sexueller Frust damals in der Ehe, darüber kann ich jetzt nur lachen. Alle paar Wochen mal war mir zu wenig. Und jetzt ist es mehr als ein Jahr her, seit ich mit einem Mann geschlafen habe. Was aber das Schlimmste ist: Ich vermisse nicht einfach einen Mann, ich vermisse Ludwig. Ich hätte nie gedacht, dass man sich so an einen Menschen gewöhnen kann, auch wenn er einen oft so genervt hat.

19 Jahre waren doch eine lange Zeit, und jetzt, wo Gabi aus dem Haus ist und Michael mit seinen 18 Jahren auch nur noch zum Schlafen hierher kommt, fühle ich mich sehr einsam und alt. Ich kann gar nicht mehr verstehen, was ich damals an Ludwig immer auszusetzen hatte. Gut, er war nicht mehr der aufregendste Mann, mir zitterten nicht mehr die Knie, wenn ich ihn sah, und er war ziemlich träge. Aber jetzt wäre ich froh, wenn ich abends mit ihm vorm Fernseher hängen könnte und mit ihm in Ruhe alt werden könnte. Nach fast 20 Jahren muss das ja auch nicht mehr die große romantische Liebe sein. Einfach einen haben, der zu einem gehört, ist doch schon sehr viel.

Aber es ist zu spät, Ludwig hat wieder eine Frau. Ob er sie wirklich liebt, weiß ich nicht, sie scheint mir so ein graues Mäuschen zu sein. Aber er ist nun mal ein Familienmensch. Er wäre ja auch nie gegangen, und er wird auch jetzt nicht seine zweite Frau verlassen.“

Nun entwickeln Sie Variante B - Sie sind bei Ihrem Mann geblieben.

„Heute ist der 15. Februar (in fünf Jahren). Es schneit, und ich bin froh, wieder zu Hause zu sein. Die Rückfahrt von der Arbeit war scheußlich. Nachher kommt Ludwig nach Hause. Michael ist schon weg, er kommt heute Nacht nicht nach Hause, irgendeine Faschingsfete. Ist mir auch recht, so können wir uns einen gemütlichen Abend machen.

An so einem Tag wie heute bin ich froh, dass wir damals durchgehalten haben. Es hat sich zwar im Grunde nicht furchtbar viel geändert, aber ich habe besser gelernt, damit zu leben. Wenn ich Ludwig für irgendwas nicht begeistern kann, mache ich es eben alleine oder suche mir andere Leute dafür. Jedenfalls rege ich mich nicht mehr so darüber auf wie früher. Sicher, das war nicht mein Jugendtraum, mal so behäbig zu leben. Aber allmählich merke ich auch, dass ich älter werde und zu vielen Sachen, die mir früher wichtig waren, selbst gar keine Lust mehr habe.

Manchmal bin ich allerdings doch traurig. Nein, nicht richtig traurig, eher wehmütig. Das soll es jetzt gewesen sein? Bald habe ich das Alter für die `Seniorenseite´ in der Zeitung. Mit so wenig soll ich mich zufrieden geben? Na, immerhin kann ich tun und lassen, was ich will, wenigstens das hat Ludwig kapiert aus der Krise. Jetzt meckert er nicht mehr, wenn ich nicht jeden Abend mit ihm vor der Glotze hänge.

Manchmal denke ich, ich bin ein Feigling, dass ich damals nicht konsequent war. Aber ich weiß nicht, ob mein Leben dann wirklich schöner wäre. Manchmal schaue ich Ludwig heimlich an, wenn er auf dem Sofa eingeschlafen ist. Seine dünnen Haare, seine hohe Stirn, seine Falten. Ich bin dann immer ganz gerührt und denke, jetzt haben wir es schon bis hierher geschafft, jetzt werden wir eben alt miteinander.“

Diese Übung kann natürlich auch völlig anders ausfallen. Variante A könnte sein, dass Sie in Ihrer Phantasie Ihr künftiges Leben als Geschiedene genießen und sich gar nichts anderes mehr vorstellen können. Variante B könnte sein, dass Sie todunglücklich sind und es bedauern, nicht den Mut zur Trennung gehabt zu haben.

Eventuell spielen Sie sogar mehrere Varianten durch.

Eine solche Übung ist auch hilfreich bei wichtigen beruflichen Entscheidungen. Sollen Sie in der ungeliebten, aber sicheren und gut bezahlten jetzigen Stelle bleiben oder das Risiko einer völligen Veränderung eingehen, die auch einen Ortswechsel bedeutet? Manchmal mag es sogar vorkommen, dass es mehr als zwei Möglichkeiten gibt. Dann spielen Sie alle Varianten von A bis D oder mehr durch. Irgendwann werden Sie intuitiv wissen, mit welcher Entscheidung Sie am besten leben können. Es kann auch ein Kompromiss dabei herauskommen, der Ihnen im Moment noch gar nicht vorstellbar ist.