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Osnabrücker Land |
14.04.2009 |

„Man lernt viel über sich selbst“
mlb Bad Essen.
Johann Wolfgang von Goethe hat es getan und auch der Musiker Kurt
Cobain, Thomas Mann ebenso, und Anne Frank ist damit berühmt geworden:
mit dem Schreiben von Tagebüchern. Aber nicht nur Berühmtheiten greifen
gern zum Stift, um Erlebtes, Gedanken und Gefühle aufzuschreiben.
Für manche Menschen ist das Tagebuchschreiben ein tägliches Bedürfnis,
andere schreiben nur bei großen Krisen oder wichtigen Ereignissen ihre
Gedanken auf. Für fast alle von ihnen gilt aber: „Sie schreiben, um
sich über sich selbst klar zu werden“, sagt Elisabeth Mardorf. Die
Autorin glaubt an die „Macht des Schreibens, um das Leben aktiv zu
gestalten“, wie sie es nennt, und verfasst Bücher, um Menschen darin zu
unterstützen, Tagebücher zu verfassen.Mardorf
schreibt natürlich auch Tagebuch. „Es relativiert sich durch das
Schreiben sehr viel, was man erlebt hat“, sagt die Frau aus Bad Essen.
In Krisen hat sie bis zu fünfmal täglich zu ihrem Buch gegriffen. Dampf
ablassen, Trauer abstreifen, Klarheit gewinnen, ruhiger werden waren
die Ziele. Zwischen den Buchdeckeln steht zumeist ungefiltert,
was der Schreiber fühlt und denkt – über sich selbst und seine
Mitmenschen. Das ist der Grund, warum es für viele Tagebuchautoren
nicht infrage kommt, ihre Bücher zu veröffentlichen. Ganz im Gegenteil. Für
den Autor selbst kann das Buch über die Zeit zu einem wichtigen Fundus
werden. „Man lernt viel über sich selbst und auch, wie die Dinge sich
über die Zeit relativieren“, erläutert Elisabeth Mardorf und nennt das
Stichwort von der „inneren Befreiung“. Manchmal ist auch eine Portion
Selbstironie notwendig, um sich den eigenen Gedanken zu stellen:
„Manche Details sind sehr anstrengend zu lesen.“ Für Elisabeth
Mardorf gab es noch einen weiteren Grund, Tagebücher zu verfassen. „Ich
wollte nicht vergessen, wie es ist, ein junger Mensch zu sein“,
erinnert sie sich. Das Nachlesen ihrer Gedanken als Jugendliche hat bei
ihrer früheren Arbeit als Psychotherapeutin oft geholfen, die Gefühle
junger Patienten nachzuvollziehen. Manchen Patienten hat sie
zudem empfohlen, Tagebuch zu schreiben. Und nicht nur für Patienten ist
eine Übung für Menschen gedacht, die gerade einen Konflikt austragen.
Um dem Kern des Problems näher zu kommen, schlüpft der Schreibende in
die Rolle seines „Kontrahenten“ und schreibt auf, was derjenige denken
könnte. Im Dialog mit den eigenen Gedanken soll das helfen, auf den
anderen zuzugehen. „Es ist etwas anderes, dies alles
aufzuschreiben, als sich nur Gedanken zu machen“, betont Mardorf. Ein
geschriebenes Wort hat eine andere Energie. Dadurch, dass es
aufgeschrieben wird, erhält es eine größere Bedeutung und: „Die Leute
öffnen sich mehr.“ Natürlich gibt es nach den Worten der Expertin
auch Menschen, die im Tagebuch nur um sich selber kreisen,
grundsätzlich hält sie Tagebuchschreiber aber für kommunikativer als
ihre nicht schreibenden Mitmenschen. Zumeist greifen ihrer Meinung nach
mehr Frauen zum Tagebuch: „Die Klischees stimmen, fürchte ich.“ Dass
private Lebenszeugnisse nicht nur für den Schreiber wichtig sind,
beweist das Deutsche Tagebucharchiv (DTA) in Emmendingen. Dort werden
seit 1998 Tagebücher, Briefwechsel und Erinnerungen vom Ende des 18.
Jahrhunderts bis zur Gegenwart gesammelt. Ziel ist es, Wissenschaftlern
Alltagsgeschichte für die Forschung zur Verfügung zu stellen.
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